Interview mit Aleksej Olesinov im Frühjahr 2010

Der Antifaschist und Sozialist Aleksej Olesinov saß seit November 2008 in einem russischen Knast ein. Im Zuge einer Auseinandersetzung mit als rechts geltenden Securities in dem Moskauer Klub „Cult“ wurde er von der Polizei festgenommen.

Schnell wurde klar, dass er auf Grund seiner politischen antifaschistischen Aktivität von den staatlichen Repressionsorganen angeklagt wird.

Sein Anwalt wurde im Januar 2009 auf offener Straße erschossen. Nachdem nach längerer Suche ein neuer Anwalt gefunden wurde, begann Mitte April 2009 der Prozess gegen ihn. Verurteilt wurde Aleksej zu einem Jahr Knast . Inzwischen ist er aus dem Knast entlassen worden.

Es gelang uns, ein Interview mit ihm zu führen. Hier der Wortlaut:

[…]Erzählen Sie bitte, warum sie inhaftiert wurden und welche Anschuldigungen wurden ihnen vorgeworfen?
Ich wurde des bewaffneten Rowdytums als angebliches Mitglied einer Gruppe, die sich zuvor abgesprochen haben soll, beschuldigt. Außerdem wurde ich beschuldigt, Mitglied der „Antifaschistischen Bewegung“ zu sein. Meine verbrecherische Rolle und die meiner „Mittäter“ beruht angeblich darauf, dass wir Aktivisten der „Antifaschistischen Bewegung“ waren.

Hier in Deutschland ist es schwer vorstellbar, wie man in einem russischen Gefängnis lebt. Erzählen Sie bitte, wie dort der Tagesablauf ist?
Solange, wie ich mich in Untersuchungshaft befand, gab es für uns keinen geordneten Tagesablauf, abgesehen davon, dass um 6 Uhr Wecken war und um 22 Uhr das Licht und die Elektrizität abgeschaltet wurden. Das ist eigentlich alles.

Erwies Ihnen jemand Solidarität und in welcher Form?
Ich erhielt sowohl von eigenen Kameraden, als auch aus dem Ausland Hilfe. Vom Ausland war das die „Rote Hilfe“ aus Deutschland, die einerseits sehr materiell war und andrerseits zur Unterstützung im Aufbau einer Internet-Seite bestand.

Außerdem hatte die Gruppe „What We Feel“ (eine russische antifaschistische Hardcore-Gruppe) eine Tour durch Deutschland, im Verlauf dessen eine bestimmte Geldsumme für meinen Advokaten gesammelt wurde.

Außerdem erhielt ich die Solidarität von Seiten einer Vielzahl russischer Antifaschisten, insbesondere vom „Anarchistischen schwarzen Kreuz“ , von der Bewegung „Autonome Wirkung“ und von vielen nicht politischen Gemeinschaften.

Uns wird häufig berichtet, dass man in den russischen Gefängnissen Gewalt gegenüber den Insassen anwendet. Sind Sie damit in Berührung gekommen? Wie war der Umgang der Gefängniswärter und der Vorgesetzten Ihnen gegenüber?
Ich bin im Gefängnis nicht mit irgend welchem Zwang in Verbindung gekommen, aber ich weiß, dass das in Moskau auf Grund der Beobachtung durch die Presse nicht praktiziert wird. Aber ich weiß, dass in Sankt Petersburg die Nazis die örtliche Gefängnisverwaltung der „Petersburger Kreuze“ (ein berüchtigtes Gefängnis in Sankt Petersburg) dazu benutzen, gegen Andersdenkende und Häftlinge vor zu gehen.

Ich selbst habe keinerlei Zwang verspürt (er lächelt dabei). Ich hatte keine besondere Kontakte, weder zu den Vorgesetzten noch zu dem Wachpersonal.

Warum saßen die anderen Inhaftierten im Gefängnis?
Auf Grund der Verbreitung von Drogen, Überfall, Diebstahl, Mord, Raub, Banditentum

Wie haben sich die anderen Inhaftierten ihnen gegenüber verhalten und welche politische Überzeugungen hatten diese?
Ich denke, dass keiner von diesen irgend eine politische Ansicht hatte. Nimmt man die Verbrecher, die in den russischen Gefängnissen einsitzen, so spucken die auf irgend eine politische Überzeugung. Ich weiß gar nicht, wie man das sagen soll, zum Teufel!(lächelt). Der Sinn besteht darin, dass das Leben eines Verbrechers keine nationale oder ähnliche Sachen berührt, sagen wir z.B., die der Rassentrennung.

Sie … wie sagt man, leben nicht nach dem Ehrenkodex, sondern erfahren keine Achtung. Diejenigen Nazis, mit denen ich in Berührung gekommen bin, saßen nicht in den Gemeinschaftsunterkünften, sondern getrennt davon. Entweder in speziellen Unterkünften, in Zweimannräumen oder sonst irgendwo. Für sie ist das natürlich besser, da sie nicht mit den übrigen Häftlingen untergebracht sind.

Hatten irgend welche politische Themen eine wichtige Bedeutung im Gefängnis?
Nein ich habe keinerlei politische Diskussionen mit niemandem dort geführt. Solche Gespräche gab es nicht, obwohl im Prinzip, alle wussten wofür ich im Gefängnis sitze. Dort bestand die Mehrzahl aus Immigranten und noch irgend welchen, aber wir haben uns im Besonderen über solche Themen nicht unterhalten.

Aber, natürlich, verfügt die Mehrheit eine negative Einstellung zu den Nazis, da mindestens die Hälfte der jenen, die dort inhaftiert sind, Aserbaidshaner, Armenier, Georgier , Tadschiken, Usbeken und andere sind.

Hatten Sie irgendwelche Konflikte im Gefängnis mit anderen Insassen, die eine andere Weltanschauung oder politische Überzeugung hatten?
Konflikte? Hm … Im Prinzip gab es keine Konflikte. Das ist schwer zu sagen,… Nicht bezüglich der Weltanschauung. Das einzige – das war nicht im Gefängnis, aber als ich schon im Lager war, wir hatten dort eine Baracke mit 200 Insassen. In unserem Teil der Unterkunft waren wir 50 – 60. Und ich war unter ihnen der einzige, der ein Buch gelesen hat und auf mich hat man wie auf einen „Volksfeind“ geschaut.

Warum war das so?
Sie waren nicht der Meinung, dass darin etwas Nützliches bestehen könnte.

Zum Schluss möchten wir erfahren, wie Sie gedenken, nach der Haft zu leben?
Das ist schwer zu sagen, aber auf meine Überzeugung hat sich die Haft auf keinen Fall ausgewirkt. Im Gegenteil, ich empfand die Unterstützung von mir nahen Menschen oder Leuten, die ich eventuell gar nicht kannte. Eher umgekehrt – ich habe mich in meinen sozial-politischen Ansichten gefestigt.

Ich danke all jenen Freunden, die mich unterstützt haben.

Ohne Zweifel, ich halte die Solidarität für eine der wichtigsten Sachen für denjenigen Menschen, der sich an der anderen Seite des Stacheldrahtzaunes befindet. Viele alltägliche Sachen, denen wir sonst keine besondere Aufmerksamkeit widmen, spielen dort eine ganz andere Rolle.

Danke für das Interview!
Russlandsoli-AG

Kurzreflektion von Einigen aus der OG Königs Wusterhausen

Im Frühling 2009 gründete sich aus einigen wenigen Aktiven der Ortsgruppe Königs Wusterhausen ein Solidaritätskreis für den zu jener Zeit im Knast sitzenden russischen Antifaschisten Aleksej Olesniov. Die Anregung dafür kam seinerzeit von einem Genossen aus dem Bundesvorstand.

Dieser stellte der Ortsgruppe den Fall vor und bat uns um Mithilfe. Einige aus der Aktivengruppe erklärten sich dazu bereit. Nach unseren Möglichkeiten versuchten wir in der Folgezeit den Fall mit einer kleinen Kampagne zu bearbeiten. Zum Einen natürlich um die Situation Aleksejs im Besonderen und der linken Bewegung im Allgemeinen öffentlich zu machen und natürlich um Geld für Aleskejs Verteidigung und die Verteidgung anderer von Repression betroffenen linken AktivstInnen in Russland zu sammeln.

Wir gestalteten eine Webseite (www.russlandsoli.blogsport.de) und stellten einige Tausend Flyer her, die wir bundesweit verschickten. Außerdem versuchten wir Kontakt zu anderen linken Strukturen in der BRD, die sich für russische AktivistInnen einsetzen, zu knüpfen. Weiterhin versuchten wir so viel wie möglich Informationen zu diesem Fall öffentlich zu machen, auch wenn der Kontakt und die Zusammenarbeit mit den russischen GenossInnen nicht immer ganz einfach war.

Durch die Spenden konnten die Anwalts- und Gerichtskosten von Aleksej bezahlt und darüber hinaus auch einiges mehr entgegengenommen werden um zukünftige Anfragen russischer GenossInnen nach finanzieller Unterstützung bei Repression schnell helfen zu können.

Deutlich ist uns geworden, dass wir immer stark mit anderen Projekten belegt waren. Viele andere Aufgaben sollten und werden von uns bearbeitet, sodass nicht immer die Zeit bleibt, sich langfristig mit bestimmten, nicht ganz so nah am eigenen Leben liegenden, Solidaritätsarbeiten zu beschäftigen.

Mit einem Interview Aleksejs, kurz nach seinem Haftende geführt, möchten wir diese Kampagne abschließen und gleichzeitig interessante Informationen über Repression und Knast in Russland öffentlich machen.

Russlandsoli-AG der OG Königs Wusterhausen

Weitere aktuelle Texte über die Situation in Russland und über Aleksej findet ihr auf der Seite „Texte“!


Solidarität mit Aleksej Olesinov

Der Antifaschist und Sozialist Aleksej Olesinov sitzt seit Herbst 2008 in einem russischen Knast ein.
Aleksej war am 6.November 2008 in dem Moskauer Club „Cult“ in einer Schlägerei mit Securities, die als faschistisch gelten, verwickelt. In diesem Zusammenhang wurde er von der Polizei festgenommen – Zuerst nur wegen „geringfügigen Hooliganismus“, was in Russland nur eine Ordnungswidrigkeit, maximal ein Bußgeld ist. Doch die Staatsmacht war schon seit längerem auf Aleksej aufmerksam geworden. Er organisierte verschiedene antifaschistische und linkspolitische Aktionen, und Infoveranstaltungen mit. Zudem wurde einer seiner befreundeten Genossen – Feodor Filatov – wenige Wochen vor der Festnahme Aleksej von Nazis auf dem Weg zur Arbeit erstochen. Im Verlaufe seiner Haft wurde Aleksej dann von der Staatsanwaltschaft eine Beteiligung an einer Reihe militanter Angriffe auf Faschisten vorgeworfen.

Bis zu seinem Gerichtsverfahren im April saß Aleksej in einem speziellen, für seinen desolaten Zustand bekannten, Teil eines Moskauer Knastes, indem vor allem als schwerkriminell geltende Gefängnisinsassen einsitzen. Das Verfahren selbst konnte erst im April beginnen, da ein Anwalt für Aleksej gefunden werden musste. Sein eigentlicher Verteidiger Stanislaw Markelov wurde Anfang Januar zusammen mit weiteren Personen auf offener Straße erschossen.
Mit Michall Trepashkin, einem ehemaligen KGB-Agenten und populären Kreml-Kritiker, konnte ein verlässlicher Anwalt gefunden werden, der ihn beim Prozess verteidigte, Aleksej muss nun noch mindestens bis zum November 2009 einsitzen.

Für die Anwalts- und Gerichtskosten wird noch eine Menge Geld benötigt!

Spendet für die Anwalts-und Prozesskosten
Rote Hilfe e.V.
„Antifa Russland“
Konto Nr. 191 100 462
Postbank Dortmund
BLZ 440 100 46